Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

BDSM spielt sich hier vor allem im Kopf ab
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Bascule
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Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

Beitrag von Bascule » 21. Mär 2010 13:29

Wenn Lust an einer Gefahr und der Vorstellung von Gefahr wächst, vielleicht erst über ein wenig Angst entstehen kann;
diese Angst reizvoll, aber im Grunde nicht unmittelbar und verhängnisvoll ist, dann macht die Androhung des Tops, Grenzen zu überschreiten, Sinn und ist legitim. So meine ich.

Er wird diese Grenze ja nicht überschreiten, doch gewiss soll es für Sub nicht sein.
Und so kann Top drohen: "Ich spiele mit dir so weit und wie ich will, bis ein Savewort fällt."

Ab wann wird so ein Balanceakt fragwürdig unmoralisch? Solange es beiden gefällt?

Und was, wenn Sub so erst Lust verspührt, durch die Angst, dass Top nur die nötigsten Grenzen berücksichtigt ?

Natürlich ist es immer ein Ding zwischen beiden, doch bleibt für mich die Frage offen: Wie gut muss ein Top auch seine eigenen Grenzen kennen, um im "Rausch der beinahe Grenzenlosigkeit" im Spiel nicht doch zu weit zu gehen? Vorallem, da so ein Top nicht auf jeden Muchs des/der Sub reagieren darf.

Inwieweit darf ein solcher Top überhaupt von einem "leichten" Spielpartner ausgehen, sollte er sich nicht vielmehr auf ein vehementen Widerstand seines Subs einstellen, den es bis zur magischen Grenze zu überwinden und ihm Stand zu halten gilt?

Ich spreche hier von Bereichen, in denen bloße Absprache zwischen Beiden eben nicht des Schlusses letzte Weisheit sind und danke für alle folgenden Einblicke.
Der Klügere gibt solange nach, bis er der Dumme ist.

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Zinfandel
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Re: Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

Beitrag von Zinfandel » 21. Mär 2010 23:01

Ich gestehe, so ganz bin ich mir nicht darüber im Klaren, worauf Du genau hinaus willst. Aber ich versuche es mal. :)

Für mich heißt BDSM nicht, auf einem fertig eingezäunten sauber gestutzten Stück englischen Rasen zu spielen, sondern den Acker auch gelegentlich mal umzugraben und durchaus auch mal zu schauen, was jenseits der grob gezogenen Begrenzungslinie zu finden ist. Vielleicht wachsen da ja auch schöne Blumen?

Sprich: Mein Spiel wäre es auch nicht, dass Top keinesfalls niemals nicht irgendwelche von mir vielleicht ängstlich beäugten Praktiken ausprobieren darf. Das macht für mich auch ein Stück weit den Reiz aus. Die Frage ist natürlich, wie forsch oder sanft das ganze vonstatten geht - wobei man (in Bildern fällt es mir grad leichter) auch nicht zentimeterweise vom 10-m-Turm springen kann.

Wenn ich Dich richtig verstehe, geht's Dir eher um den Mindfuck - und da kann ich bei mir sagen, dass der absolut dazugehört. Ausgeliefertsein hat doch erst seinen Reiz, wenn das auch mal schamlos ausgenutzt wird - oder zumindest immer das Risiko glaubwürdig vorhanden bleibt, dass es ausgenützt werden könnte (was wohl nur dann aufrecht zu erhalten ist, wenn es eben hin und wieder tatsächlich mal passiert).

Die moralische Frage, wie Du es nennst - da bin ich wieder der Meinung, solange beide wissen, was sie tun, und damit einverstanden sind, ist zumindest meinem Moralverständnis absolut Genüge getan.

Allerdings ist bei mir Mindfuck immer eine Gratwanderung, für gewöhnlich fast noch mehr als die konkrete Umsetzung. Ich stehe total auf diese ... "Angstspielchen". Aber ich bin da auch wahnsinnig empfindlich, das kann bei mir ganz schnell kippen und ich bin völlig überfordert. Es überrascht mich regelmäßig selbst, wie schnell das bei mir geht und wie heftig dann die Auswirkungen sein können.

Mich sollte Top wohl lieber vom 10er schubsen, anstatt mich Meter für Meter nach oben gehen und selbst springen zu lassen - aber ich weiß nicht, ob ich da repräsentativ bin.

Zur Frage, wie es von der Top-Seite ausschaut, kann ich nichts sagen. Vielleicht aber dazu noch ein Statement von der Sub-Seite: Ich lebe SM durchaus mit dem Gedanken, dass wo gehobelt wird auch Späne fallen können. Sprich: Natürlich kann Top mich einmal falsch einschätzen, er kann sich selbst mal falsch einschätzen, er kann mit dem Rohrstock mal abrutschen oder mir versehentlich statt sanft tröpfchenweise einen großen Schwapp viel zu heißes Wachs überschütten. Das kann einfach passieren. Genauso wie ich nicht den schwarzen Hang hinabfahre und mich hinterher beschwere, wenn ich mir ein Bein gebrochen habe, genauso bin ich mir beim BDSM bewusst, dass einfach mal was schief gehen kann. Klar wäre es besser, wenn alles glatt geht, aber wenn ich 100 % Sicherheit will, dann sollte ich eben im Bett auf alles über die Missionarsstellung hinaus verzichten. Und genauso sehe ich es auch bei dem, was Du "Lust im Kopf" nennst - auch das ist ein Balanceakt, bei dem man auch einfach mal runterfallen kann. So what?! Solange im Anschluss ausreichend gemeinsam Wunden geleckt werden ...
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Starborne
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Re: Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

Beitrag von Starborne » 22. Mär 2010 15:26

Ich hoffe dass ich dich jetzt soweit richtig verstanden habe und meine Antwort zum Thema passt:

Für mich gehört es eigentlich dazu ständig an Grenzen zu gehen, auszureizen was möglich ist. In die Versuchung etwas zu tun, was Sub nicht gefällt komme ich nicht wirklich, für mich ist ihr eigener Wunsch, ihre Gier nach dem was passiert sehr wichtig - ich überschreite tatsächlich Grenzen, aber genau dort wo ich weiß (und mit ihr besprochen habe), dass sie genau diese Erfahrung machen will, wie das ist wenn ich nicht aufhöre sondern einfach weiter mache, egal wie sehr sie schreit.

Natürlich gibt es einen Punkt, wo ich merke, jetzt ist es wirklich genug, aber der ist lange hinter dem wo sie aufgeben will und den kommuniziere ich auch nicht an sie.
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Narah
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Re: Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

Beitrag von Narah » 23. Mär 2010 19:48

Ich denke, dass eine bestimmte Beherrschtheit beim Top/Dom dazugehört. Natürlich sollten bestimmte Grenzen immer wieder neu ausgelotet werden und sicherlich finde ich es auch prickelnd mit der Angst zu spielen oder besser diesem Druck ausgeliefert zu werden. Leider ist es mit selber passiert, dass eine absolute Grenze überschritten wurde und in dem Moment, wo ich mein Safewort hätte sagen können, war es schon zu spät, manchmal geht es ja nur um Bruchteile von Sekunden. Im Gespräch später stellte sich raus, dass er die Grenze aus einem Rausch heraus überschritten hatte, weil er sich nicht mehr kontrollieren konnte. Da für mich aber das Überschreiten der Grenze, das beinahe in der Öffentlichkeit zu einem ungewollten Outing geführt hätte zu schwerwiegend war, ich ihm nicht mehr vertraut habe, war mit einem Schlag alles vorbei.
Im Nachhinein kann ich also nur als Fazit ziehen, dass Beherrschtheit, Vertrauen und Kontrolle beim Top sehr wichtig sind, da vieles nonverbal oder mimisch geschieht zwischen Top und Sub.

LG
Narah

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Re: Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

Beitrag von Starborne » 24. Mär 2010 12:15

...also ich meine mit "Grenzen überschreiten" jetzt vor allem Schmerzgrenzen oder psychische Härtegrenzen...und da braucht man halt Frauen, die ein gesundes Selbstbewusstsein haben aber da einfach voll drauf stehen, dann ist es das meistens net so eine Sache...wenn's echt mal zuviel, zu derb ist, geht es schnell wieder vorbei...ja man hört sogar, dass manche Frauen "überfordert" werden wollen...

Schamgranzen oder Tabu's gehe ich nur in den eigenen vier Wänden, oder eventuell der Halböffentlichkeit der Szene an, sind mir aber generell net soooo wichtig...ich hole mir keinen Kick davon, dass sie was macht, was sie nicht will, sondern davon, dass sie alles macht was ICH will...idealerweise weil sie alles will, was ich will...*quaqua...laber...laber...definier*
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chili{Tq}
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Re: Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

Beitrag von chili{Tq} » 24. Mär 2010 14:02

So, ich bin mal etwas auf Krawall gebürstet heute und stelle folgende provokante These in den Raum:

In einem bestimmten Rahmen kann Dom alles mit sub anstellen, solange er die nötige Selbstsicherheit und Bestimmtheit in seinen Handlungen noch spürbar machen kann. Mit der Sicherheit, die er damit sub vermittelt, kann er bis zu einem gewissen Grad dafür sorgen, dass sog. Grenzen und Tabus ziemlich bedeutungslos werden.

Wie komme ich drauf? Weil ich als Dom und sub festgestellt hab, dass sub eben solange problemlos "mitgeht" bis Dom Unsicherheiten zeigt. Für den sub übrigens eines der unschönsten Gefühle überhaupt, wie ich meine.
Und an Grenzen meine ich hier nicht absolute Grenzen (wie z.B. mal eben im Rahmen einer Session ein Bein amputieren oder sich vor den Arbeitskollegen outen) sondern eher die moralischen, die sich so im Kopf von sub befinden. Also, Dinge die sub aus Scham oder einer Angst, die in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr steht, nicht tun möchte.
I have learned a lot (..) over the years, but frankly, a lot my experiences and the resulting lessons can be boiled down to one crude but pithy rule that I adhere to religiously:
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Re: Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

Beitrag von Garden » 24. Mär 2010 14:56

Ja, geb ich dir völlig recht mit.

"Machste so, machste so, machste so, alles ist toll und jetzt los!" Kommt einfach anders rüber als "Also, wenn du vielleicht dies und dann noch vielleicht das dann könnte mit etwas Glück..."

Das ist doch generell so eine Sache mit dem sicheren Auftreten. Wir können uns hier ein "Dom/sub"-Verhältnis anschauen oder auch irgendwas X-beliebiges anderes (Auftreten gegenüber Kunden z.B.).

Kann man übrigens von der anderen Seite auch sehr schön provozieren indem man bewusst unsicher auftritt.

Wichtig in dem Moment ist einfach nur die Kommunikation zwischen den Partnern und dass man unterscheiden kann, welche Grenzen sind fester und welche grenzen sind weicher und wie sind sie im Verhältnis zur aktuellen Situation.
All knowlege is worth having!

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Re: Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

Beitrag von Narah » 24. Mär 2010 20:30

Meine Schmerzgrenze wird bei mir fast automatisch nach oben verschoben. Ich habe für mich bemerkt, dass mit zunehmendem Alter auch eine gewissen Gewöhnung auftrat.
Insofern, stimme ich dir damit überein, das bringt mir persönlich immer wieder den Kick zu sehen wie weit ich noch gehen kann physisch als auch psychisch.

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Chaoskatze
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Re: Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

Beitrag von Chaoskatze » 24. Mär 2010 20:51

Klasse Posting, chilli{Tq}!

Wenn mir ein Top, den ich eben erst kennengelernt habe, einen solchen Umstand sagt, bin ich erstmal verwirrt. Einfach weil ich nicht weiß und nicht nachvollziehen kann, was er damit zu erreichen versucht, oder was ich davon halten soll. Ich wäre dann während des Spiels ständig mit dem Kopf dabei. Und ich denke nicht dass das so vorteilhaft wäre...
"Du hast mich im Mund. Spuck mich aus!"

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Re: Lust im Kopf: Die Grenze überschreiten

Beitrag von Chaoskatze » 25. Mär 2010 11:54

... ich hätte Hemmungen, überhaupt Vertrauen zu jemanden zu fassen, der sowas sagt. Ich bin ja Mensch und keine Maschine, also ist meine Schmerzgrenze auch nicht jeden Tag dieselbe, was bringt da ein einmaliges Ausloten der Grenze? Wenn das aber keine einmalige Sache werden soll, erinnert dieses Prinzip mich eher an einen Wettbewerb, einem Wettkampf, einen recht ungleichen dazu. Und dann hängt das Spiel ja auch nur wieder von der Gnade der Sub ab, nach dem Motto: Wielange ist sie bereit, dieses Prinzip zu erdulden oder einen solchen Top zu erdulden?

Also Lust stelle ich mir anders vor....
"Du hast mich im Mund. Spuck mich aus!"

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